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Konzepte der Periodisierung im Kraftsport
16. Juni 2008

Gleichwohl die Notwendigkeit von Trainingszyklen im Allgemeinen weitestgehend anerkannt ist, stehen den Anforderungen an einen geeigneten Trainingsplan zahlreiche Fragen und Probleme vor. Das Krafttraining unterscheidet beispielsweise zwischen den Zielen einer optimierten intramuskulären Koordination (nervaler Faktor) gegenüber der Erweiterung des Energiepotentials  (energetischer Faktor). Die Verwirklichung von (persönlichen) Höchstleistungen geht damit letztlich immer als Kompromiss unterschiedlicher und teils gegenstehender Forderungen einher.

Lineare Periodisierung
Eine mögliche Antwort auf die schwierige Aufgabenstellung der funktionellen Anordnung von Volumen und Intensität gab die russische Sportwissenschaft schon früh in Form der Linearen Periodisierung an die Hand. Diese weist im Grunde zu Beginn des Zyklus einen hohen Umfang mit geringer Belastung aus, um im Verlauf schrittweise zu einem geringen Umfang und hoher Belastung zu gelangen.
 
Beispielhaft sei hier etwa ein durchaus gebräuchlicher Durchlauf im Kraftsport aufgeführt:

Vorbereitungsphase allgemein (VP): Hypertrophie

Woche Sätze Wiederholungen Belastung
1 5 10 62%
2 4 10 64%
3 3 10 66%
4 3 8 68%
5 3 8 70%

Vorbereitungsphase speziell (VP): Hypertrophie / Kraft

Woche Sätze Wiederholungen Belastung
1 5 6 75%
2 4 6 77%
3 4 5 79%
4 4 5 82%
5 3 4 85%

Wettkampfphase formbringend (WP): Kraft

Woche Sätze Wiederholungen Belastung
1 3 4 87%
2 3 3 89%
3 3 3 91%
4 3 3 93%

Wettkampfphase formerhaltend (WP): Kraft

Woche Sätze Wiederholungen Belastung
1 3 3 95%
2 2 2 97%
3 2 1 99%

Wettkampf (WK): Neue persönliche Bestleitung

Woche Sätze Wiederholungen Belastung
1      

Übergangsphase (ÜP): Regeneration

Woche Sätze Wiederholungen Belastung
1 3 15 50%
2 4 15 50%
3 5 15 50%

 

Schwachstellen der linearen Periodisierung
Für die Funktionalität dieser Form der Wettkampfvorbereitung sprechen sicherlich unzählige Erfolge von Athleten, die den Beweis mit diesem oder ähnlichen "Prozentplänen" angetreten sind. Dennoch weist diese Anordnung Punkte auf, die wir im Interesse einer steten Leistungssteigerung und Optimierung berücksichtigen müssen:

  • Die Ausgangsbasis (100%)
    Aus der Erfahrung heraus wissen wir, dass sich das Trainingsmaximum zum Teil erheblich vom Wettkampfmaximum unterscheiden kann, und sich nach einer Regenerationsphase vermutlich die zuvor erzielte Höchstlast nicht mehr annähernd bewältigen lässt. Die Frage, mit welchem prozentualen Gewicht wir die Routine beginnen, ist aber nicht unwesentlich für die vorgegebenen Steigerungen. Bereits bei der Bestimmung des Ausgangswertes kann sich somit ein unwägbarer Faktor einschleichen, der auch im weiteren Verlauf beibehalten wird.
  • Die Steigerungsraten
    Athleten haben individuell verschiedene Ausprägungen der unterschiedlichen Kraft- und Muskeltypen, so dass ein Sportler in einzelnen Phasen der Vorbereitung unter-, in anderen aber überfordert sein wird. Offen bleibt ebenfalls die Frage, wie verfahren werden muss, wenn die Steigerungsrate nicht erfüllt werden konnte.
  • Die Optimierung
    Mit steigendem Trainingsalter wird der Körper auf die Anforderungen angepasster reagieren, was prinzipiell nur mit jeweils neu definierten Steigerungen ermöglicht würde.
  • Dekonditionierung
    Beim Durchlauf  des Zyklus werden die bereits zu Beginn (etwa in der Hypertrophiephase)  erarbeiteten Kapazitäten im weiteren Fortgang vernachlässigt und gehen damit letztlich ganz oder teilweise wieder verloren. Weder beim Wettkampf selbst, noch beim nächsten Beginn des Trainingssystems stehen diese damit zur Verfügung.
  • Mehrfachperiodisierung
    Gleichwohl es bekannte Konzepte für den Durchlauf von mehreren Leistungshöhepunkten innerhalb eines Jahres gibt, finden auch hier die notwendigen Grundlagen aus der Vorbereitungsphase schon aus Zeitgründen nur mehr teilweise Raum. Dies ist im Besonderen für Kraftsportler mit einer dichten Zahl an Wettkämpfen im Jahr wichtig zu beachten.
  •  

    Nichtlineare Periodisierung
    Als Antwort auf die offenen Fragen der strikten Anordnung wurden weitere Konzepte entwickelt, die diese zufriedenstellender lösen sollen. Die nichtlineare Periodisierung bildet in diesem Sinn eine weiterführende Trainingsstrategie, die die erforderlichen motorischen Kapazitäten im Kraftsport auf jeweils zwei- oder dreiwöchige Abschnitte abbildet. Zwischen diesen Blöcken erfolgt jeweils ein "Zielwechsel", der eine motorische Eigenschaft priorisiert und indessen eine (oder mehrere) weitere im Niveau erhält.

    Ein Trainingsprogramm, das diesem System folgt, könnte sich demnach wie folgt darstellen:

    Block I: Schwerpunkt Hypertrophie

    Woche stimulierend erhaltend erhaltend
    1 5 S x 10 W 1 S x 5 W 1 S x 2 W
    2 5 S x 10 W 1 S x 5 W 1 S x 2 W
    3 5 S x 10 W 1 S x 5 W 1 S x 2 W

    Block II: Schwerpunkt Hypertrophie / Kraft

    Woche stimulierend erhaltend erhaltend
    1 5 S x 5 W 1 S x 2 W 1 S x 10 W
    2 5 S x 5 W 1 S x 2 W 1 S x 10 W
    3 5 S x 5 W 1 S x 2 W 1 S x 10 W

    Block III: Schwerpunkt Kraft

    Woche stimulierend erhaltend erhaltend
    1 5 S x 2 W 1 S x 10 W 1 S x 5 W
    2 5 S x 2 W 1 S x 10 W 1 S x 5 W
    3 5 S x 2 W 1 S x 10 W 1 S x 5 W

     
    Die Umsetzung dieses Konzeptes kann auf vielfältige Art und Weise erfolgen und hat sich in der Vergangenheit gleichfalls umfangreich bewährt. Dennoch bieten sich auch hier Ansatzpunkte, die noch nicht vollends optimiert sind. Aus der Adaptionstheorie wissen wir beispielsweise, dass sich die Länge der Reizsetzung erheblich auf den Trainingserfolg auswirken und damit die Zuwachsrate gestört sein kann. Für eine optimale Anpassung an den jeweiligen Schwerpunkt könnte die Blockbildung von drei Wochen damit zu kurz, für eine Unterbindung der Degeneration weiterer Kapazitäten aber zu lang sein. 

     
    Holistische Periodisierung
    Eine weitere Möglichkeit für die Zyklisierung im Trainingsalltag kam seitens des grandiosen Powerlifters Dr. Frederick Hatfield in die Diskussion. Dieser empfiehlt (stark vereinfacht dargestellt), die unterschiedlichen Reizgrößen der Muskeln jeweils innerhalb zeitlich sehr enger Rahmen zu trainieren, um alle fraglichen Muskelpotentiale abzudecken. Sein entwickeltes ABC-Training teilt die Muskeln hierzu je nach Funktion in drei "Bereiche" (A, B und C) auf und entwickelt deren Potential in angepassten Einheiten. Umfangreiche weitere Informationen zu diesem Konzept sind direkt auf der WebSite von Dr. Squat hinterlegt, so dass wir an dieser Stelle lediglich hierauf verweisen. Neben vielen Artikeln steht auch ein eigenes Forum für Fragen bereit, so dass sich ein Besuch in jedem Fall lohnen wird.

     
    Zusammengeführte Periodisierung (Conjugated Periodization nach
    Westside Barbell®)
    Das WestSide-System wurde im Wesentlichen aus und für den Kraftsport entwickelt und orientiert sich hierbei in den Grundlagen streng an den Ausführungen Zatsiorskys und dessen Erkenntnisse aus dem russischen Hochleistungssport. Die modulare Konzeption erlaubt (und fordert) hierbei starke individuelle Anpassungen, auch wenn die Trainingsmatrix selbst klar strukturiert ist.

    Beispiel-Template für das WestSide-System
     

    Lower Body (Unterkörper)
     

    Max Effort Day Dynamic Effort Day
    - Hauptübung (Maximalkraft) - Hauptübung (Schnellkraft)
    - Nebenübung (Hypertrophie) - Nebenübung (Hypertrophie)
    - Unterstzützende Übung (Hypertrophie) - Unterstzützende Übung (Hypertrophie)
    - Unterstzützende Übung (Hypertrophie) - Unterstzützende Übung (Hypertrophie)
    - Präventivübung - Präventivübung

     
    Upper Body (Oberkörper)

     

    Max Effort Day Dynamic Effort Day
    - Hauptübung (Maximalkraft) - Hauptübung (Schnellkraft)
    - Nebenübung (Hypertrophie) - Nebenübung (Hypertrophie)
    - Unterstzützende Übung (Hypertrophie) - Unterstzützende Übung (Hypertrophie)
    - Unterstzützende Übung (Hypertrophie) - Unterstzützende Übung (Hypertrophie)
    - Präventivübung - Präventivübung

    Inhaltlich sind neben den konjugierten Trainingsinhalten von Maximalkraft, Schnellkraft und Hypertrophie eine Vielzahl an Erfahrungswerten und wissenschaftlichen Fakten innerhalb dieses Konzeptes vereint, die in einem eigenen Artikel ausführlicher dargestellt werden sollen. Eine Vielzahl an Artikeln aus erster Hand sind auch auf Louie Simmons`WebSite online hinterlegt.
     

    Ein zwischenzeitliches Fazit
    Für die Optimierung unserer Kraftentwicklung und damit letztlich für den persönlichen Erfolg ist die Auswahl einer geeigneten Periodisierung unerlässlich; Hierfür stehen dem Athleten einige grundlegende - und weitere hieraus entwickelte Varianten zur Verfügung, auf die im Rahmen dieser kleinen Zusammenfassung nicht eingegangen wurde. Als Ergebnis der aktuellen Entwicklungen und Tendenzen im Kraftsport könnte damit die Erkenntnis stehen, dass vermutlich alle Konzepte Ihre Berechtigung haben, der Anspruch auf ein ganzheitliches System im Besonderen aber die Bewährung  hinsichtlich der Dauerhaftigkeit und den Ausbildungsgrad der Leistungskurve für sich beansprucht. Dieser erscheint uns gerade im Bezug auf den Ansatz besonders in der holistischen Periodisierung nach Dr. Frederick Hatfield, wie auch im Westside Barbell® gegeben. Nachdem ein weiterer Schwerpunkt - gerade im fortgeschrittenen Leistungsbereich - bei der Individuellen Ausprägung der Sportler zu finden sein wird, bietet sich das modulare Konzept und die Richtungsfreiheit des Westside für eine genauere Überprüfung persönlicher Präferenzen geradezu an.

     
    Weiterführende Links zu externen Anbietern

    - Ist klasische Periodisierung noch zeitgemäß?
    Ein exzellenter Überblick aus Sicht des BodyBuilding von Erik "BamBam" Dreesen

    - Prinzip und Anwendung der holistischen Periodisierung
    Die WebSite von Dr. Frederick Hatfield

    - Conjugated Periodization nach Westside Barbell®
    Die WebSite von Louie Simmons

    - The Periodization Bible
    Eine grundlegende Einführung von Dave Tate

     
    Empfohlene Bücher
     
    Die Monographie stellt in ausführlicher und praxisbezogener Weise den in den letzten Jahrzehnten erreichten Kenntnisstand zum Krafttraining dar, der für das Training in nahezu allen Sportarten von Bedeutung ist, Grundlagen der Arbeit bilden erfolgreiche Krafttrainingskonzepte, Trainings- und Leistungsdaten von über 1000 Spitzensportlern sowie die Erfahrungen erfolgreicher Trainer. Nachstehend eine Auswahl der behandelten Aspekte: Prinzipien der Trainingstheorie; Faktoren, die die Muskelkraft bestimmen; Methoden des Trainings mit verschiedenen Widerstandsformen; Steuerung der Trainingsbelastung über Intensität; zeitliche Abfolge von Trainingsbelastung (kurz- und mittelfristig); Hauptaspekte der Trainingsperiodisierung; Auswahlkriterien für Krafttrainingsübungen; Maßnahmen zur Verletzungsprophylaxe beim Krafttraining; Aufgabenspezifisches Krafttraining.
     
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