| Vorwort 08. Oktober 2008 Für den interessierten Sportler wird es auf Grund der
täglich wachsenden Fülle von verfügbaren Informationen im Internet
zunehmend schwieriger, hinreichend fundierte Erkenntnisse aus der
Sportwissenschaft als solche zu erkennen und zu bewerten. Umso mehr hat
uns kürzlich die Mail eines Studenten (Fächerübergreifender
Bachelorstudiengang Mathematik und Sportwissenschaft) erfreut, dessen
Semesterarbeit wir mit seinem Einverständnis nun im Folgenden abbilden
dürfen. Wir bedanken uns hierfür recht herzlich!
Semesterarbeit zum Seminar „Grundthemen der Trainingslehre“
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
Von allen auf den Organismus einwirkenden Reizen ist zweifelsohne der
Bewegungsreiz der wichtigste. Sein Fehlen führt zur Unterentwicklung
beziehungsweise zur Unterfunktion. Zur Erhaltung der Funktion einer
lebenden Substanz ist ein sogenannter Erhaltungsreiz nötig. Dosiert man
jedoch einen Reiz stärker als zur Erhaltung notwendig ist, so passt sich
das entsprechende Organsystem der geforderten Leistung an. Soll ein Reiz
zu Anpassungserscheinungen führen, so muss dieser eine bestimmte
Schwelle überschreiten. Wie hoch ein Schwellenwert bei dem jeweiligen
Sportler ist, hängt beispielsweise von dessen Leistungsstärke ab.
Weniger gut Trainierte reagieren bei relativ niedrigen und
unspezifischen Reizen mit Anpassung, im Gegensatz zu Spitzensportlern,
die hohe und spezifische Belastungsreize benötigen. Ein sportliches
Training ist also nichts anderes als die Reaktion eines Organismus auf
einen wohldosierten Reiz. Nach Grosser, Brüggemann und Zintl (1986, S.
414) gilt der folgende Grundsatz: Jeder Bewegungsreiz führt zu einem
Abbau von Substanz. Dieser Abbau birgt auch den Reiz zum Neuaufbau in
sich. Dabei macht der Neuaufbau jedoch nicht bei dem Zustand halt, den
das Gewebe vorher hatte, sondern er entwickelt sich über diesen Zustand
hinaus. Man spricht von Superkompensation.
2. Adaptation Froböse und Hartmann (2002, S. 53) explizieren: „Die Anpassungsprozesse dienen der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts von Prozessen und Funktionssystemen im Organismus und sichern somit ihre Überlebensfähigkeit.“ In der Trainingswissenschaft versteht man unter Adaptation „die Reaktion des menschlichen Organismus beziehungsweise seiner Funktionssysteme in funktioneller und struktureller Hinsicht auf Übungs- und Trainingsbelastungen mit dem Ziel der Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit“ (Froböse et al., 2002, S. 54). Jede motorische Handlung führt zur Inanspruchnahme und Reaktion entsprechender Funktionssysteme, beispielsweise des Herzkreislaufsystems (Anstieg der Herzfrequenz) oder des Zentralen Nervensystems (Anstieg der zentralnervalen Aktivierung). Diese Reaktionen werden als metabole Adaptation bezeichnet. Zur Erklärung der energetischen Anpassungsprozesse nutzt man das Modell der Superkompensation, welches von den in energieliefernden Funktionssystemen ablaufenden Prozessen abgeleitet wird. Diese Systeme befinden sich normalerweise in einem dynamischen Gleichgewichtszustand, der Homöostase. Bei jeder anstrengenden körperlichen Tätigkeit wird der Gleichgewichtszustand der beanspruchten Funktionssysteme gestört. Die für die Aufrechterhaltung der normalen Lebensprozesse verbrachte Energie wird unmittelbar wiederhergestellt. Ein wichtiger Energielieferant für viele Organe sind Kohlenhydrate, besonders Glukose. Sie werden im Körper als Glykogen, die hochpolymere Form des Einfachzuckers Glukose, gespeichert. Zweidrittel aller Glykogenspeicher liegen in den Skelettmuskeln und das restliche Drittel in der Leber. Das Glykogen in den Muskeln wird im Allgemeinen nur für die Muskeln selbst benutzt, wohingegen die Glykogenspeicher der Leber für ein konstantes Blutzuckerniveau verantwortlich sind. Durch aerobes Training von einer Belastungsdauer von 45-90 Minuten oder wiederholte anaerobe laktazide Belastungen mit einer Einzeldauer von mehreren Sekunden bis zu einigen Minuten sind die Glykogenspeicher nahezu vollständig erschöpft. Dann kann die Erholungsphase bis zur Wiederauffüllung der Glykogen- speicher selbst bei kohlenhydratreicher Ernährung 48-72 Stunden betragen. Werden bei der Nahrungsaufnahme zu weinig Kohlenhydrate zugeführt, kann die Erholungszeit bis zur Auffüllung der Glykogenspeicher wesentlich mehr Zeit in Anspruch nehmen. Sind die Belastungszeiten unter 45 min und wird zur Energiegewinnung vorwiegend der aerobe Stoffwechselweg beschritten, ist mit Erholungszeiten zwischen 12 und 24 Stunden zu rechnen (Van den Berg, 2003). Es wird betont (Weineck, 2004), dass sportliche Belastungen die betroffenen Organsysteme zu morphologischen und funktionellen Umstellungen veranlassen. Bei der morphologischen Betrachtungsweise bezieht man sich unter anderem auf den Körper, als Beispiel soll hier die Muskelhypertrophie genannt werden. Die funktionelle Betrachtungsweise beschreibt Adaptationen als Kapazitätsvergrößerungen. Sportliches Training, also eine geplante, wohldosierte Abfolge von Belastungen und Wiederherstellung, erreicht bei entsprechender Wirksamkeit mehr oder weniger stabile Anpassungen. Roux hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einer Reihe von Publikationen die Grundlage für das heutige Verständnis der Adaptation auf äußere Reize gelegt. In den Jahren 1894-1905 erschienen unter Anderem „Entwicklungsmechanik der Organismen: Ein neuer Zweig der biologischen Wissenschaft“.
Das Superkompensationsprinzip ist bei genauer Betrachtung kein Ansatz,
mit dem Anpassung hinreichend modelliert werden kann, da es viele
Einflussfaktoren ausblendet. Im Kapitel 6 wird auf diese Kritik näher
eingegangen.
3. Superkompensation
Die Steigerung „energetischen Potentials in der Form der Anhebung der muskulären und hepatären (in der Leber befindlichen) Energiespeicher“ (Weineck, 1996, S. 32) beruht auf dem Prinzip der Superkompensation. Jedoch handelt es sich bei dem abgebildeten Modell um eine grobe Vereinfachung sehr komplexer Zusammenhänge. Der Adaptationsprozess verläuft in Phasen, die im Folgenden kurz unterschieden werden. Friedmann (2002) erklärt, dass zwischen Belastung und Anpassungsreaktion des Körpers ein dynamisches Gleichgewicht (Homöostase) besteht. Unser Körper befindet sich in einer Homöostase, einem Gleichgewicht zwischen anabolen und katabolen Stoffwechselvorgängen, zwischen Aufbau und Abbau. Wird die Homöostase durch einen Belastungsreiz gestört, so versucht der Körper, ein der veränderten Situation entsprechendes Gleichgewicht herzustellen. Wie im Schema dargestellt, kommt es während des Trainings (Belastung) zu einem Abbau (Ermüdung) der Leistungsfähigkeit. Leistungsreserven des Körpers werden verbraucht. Die Beanspruchung führt zur Ermüdung. Durch die trainingsbedingte Belastung wird nämlich eine Vielzahl von Stoffwechselvorgängen aktiviert. Die Energiebereitstellung steht dabei im Vordergrund. Der Körper benötigt eine Erholungsphase, in der er die Energiereserven wieder auffüllt und zwar „vorsorglich“ und kurzzeitig über den Ausgangszustand hinaus. „Vorsorglich“ bedeutet, dass der Körper mehr Substrate anlegt und Funktionen optimiert. Die Konsequenz ist eine Verbesserung der Leistungsfähigkeit. Während der Regenerationsphase dominieren die aufbauenden Stoffwechselvorgänge. Zum einen wird das Defizit an Elektrolyten (etwa Natriumchlorid, Magnesium, Calcium und Kalium) und Wasser ausgeglichen, zum anderen füllen sich die Glykogenspeicher in den Muskeln und der Leber wieder auf (Schurr, 2003). Entsprechend groß sind in dieser Erholungsphase der Eiweiß- und Kohlenhydratbedarf. Dabei reagieren die durch die Reize angesprochenen Organ- und Funktionssysteme des Sportlers mit Anpassungserscheinungen, die für den Reiz passend sind (Meck und Klussmann, 2001, S. 394). Mit der Überkompensation betreibt der Organismus also eine Art „Vorratswirtschaft“, indem er sich auf ein höheres Leistungsniveau entwickelt, von dem aus zukünftige Belastungen ökonomischer zu bewältigen sind. So inhomogen das Verständnis über Superkompensation bei den Autoren auch
sein mag, sind sich alle Autoren in einem Punkt einig: Belastung und
Erholung mit nachfolgend erhöhter Leistungsfähigkeit sind nicht von
einander zu trennen. Voraussetzung für eine Leistungssteigerung sind
demnach wiederholte belastungsbedingte Ermüdungserscheinungen, die in
der Erholungsphase zu einer Anhebung des Leistungspotentials führen
können. In der Trainingspraxis ist es nicht einfach, den jeweiligen
optimalen Zeitpunkt der Wiederbelastung zu finden, da außer der
vorausgegangenen Belastung auch die individuelle Anpassungsfähigkeit,
die Ernährung und sonstige trainingsbegleitende Maßnahmen eine wichtige
Rolle spielen. Letztlich führen neben dem theoretischen Wissen nur
Erfahrung und Beobachtung zu konkreten Ergebnissen.
4. Trainingsprinzipien zur Festigung der Anpassung Damit ein hoher Leistungszuwachs erzielt und bei Wettkämpfen die höchste Leistungsfähigkeit erreicht wird, muss das Training zudem planmäßig aufgebaut sein. Nach Schnabel, Harre und Borde (1997) ist ein schnell erarbeitetes Leistungsniveau weniger stabil und recht störanfällig. Man spricht hier von dem „Gesetz der Anpassungsfestigkeit“. Über einen längeren Zeitraum und durch einen langsamen Leistungsaufbau hinweg erzielte Anpassungserscheinungen sind wesentlich stabiler und weniger störanfällig. Entscheidend für die Überkompensation ist zudem die zunehmende Belastung. „Nur solche Funktionssysteme adaptieren, die ausreichend stark beansprucht wurden“ (Schnabel et al., 1997, S. 76). Wenn die Leistungsfähigkeit erhöht werden soll, so muss man weitgehend dem „Prinzip der allmählichen Belastungssteigerung“ (Slomka, 2008, S. 149) folgen. Immer gleiche Belastungsreize lösen die nötigen Anpassungen im Organismus nicht mehr aus. Deshalb ist es wichtig die Belastungen immer wieder dem neuen Leistungszustand anzugleichen, um eine weitere Leistungsverbesserung zu bewirken. Die Trainingsbelastung muss hinsichtlich Belastungsintensität, -umfang, -dicht und -dauer ständig gesteigert werden. Hierbei spielen Trainingsalter, biologisches Alter oder die sportmotorischen Fertigkeiten eine entscheidende Rolle. In der Praxis ist es wichtig zu erkennen, „wann das Leistungspotenzial des Sportlers […] erschöpft ist. Jede Belastungssteigerung stößt irgendwann an ihre biologisch bedingten Grenzen, an der es zu einer Stagnation kommt“ (Friedrich, 2005, S. 34). Nur bei einer optimalen Relation von Belastung und Erholung, bei regelmäßigen und dauerhaften, sowie steigenden Belastungsreizen kann es zu einer effektiven Verbesserung des Leistungsniveaus kommen. Werden diese Trainingsprinzipien nicht beachtet, dann bleibt das Training wirkungslos. 5. Entwicklung des Leistungsniveaus in Abhängigkeit von der
Pausenlänge
In den Phasen der erhöhten Energiebereitstellung werden neue Belastungen gesetzt. Der Band von Ackermann (2003) beschreibt, dass am höchsten Punkt der Superkompensation ein neuer Trainingsreiz angesetzt werden soll, damit eine gezielte Steigerung der Leistungsfähigkeit erreicht wird. Auch auf diesen Reiz reagiert der Körper mit einer Steigerung des Ausgangsniveaus. Dies kann letztlich auf Dauer gesehen zu einer deutlichen Steigerung der Belastungsfähigkeit führen. Fraglich ist allerdings der durch die Abbildung implizierte lineare Anstieg. 5.2. Leistungsniveau stagnierend
Sind die Pausen zwischen den Trainingsreizen zu kurz oder zu lang, bildet sich das Leistungsniveau wieder zurück. Nach Steffny (2007, S.65) findet keine Steigerung der Leistungsfähigkeit statt. 5.3. Leistungsniveau absinkend
Beginnt die Neusetzung des Trainingsreizes schon in der frühen
Erholungsphase, reicht die Erholung nicht aus, um die Leistung wie
angestrebt zu erhöhen. Stattdessen wird die Leistungsfähigkeit nach
mehreren Einheiten sogar vermindert. Das negative Resultat wäre bereits
nach einigen Trainingseinheiten durch ein hohes Maß an Erschöpfung
(Verletzungsrisiko) und einem enormen Leistungsabfall (ansteigende
psychische Belastung) zu erkennen (Hartmann und Minow, 1999, S. 216).
Seitdem das Superkompensationsprinzip eingeführt wurde, wird dieses Modell an den Sportinstituten, in den Sportleistungskursen der Schulen, sowie in der Trainer- und Übungsleiterausbildung gehalten. „Über mehrere Jahrzehnte war das Superkompensationsmodell die populärste Trainingtheorie“, führt Zatsiorsky (1996, S. 26) aus. Auf den ersten Blick scheint die Argumentation des Superkompensationsmodells auch plausibel. Doch hat sich die Trainingswissenschaft weiterentwickelt. Neue Erkenntnisse verdrängen gewohnte Modelle und in manchen Fällen müssen Erkenntnisse komplexer angewandt werden. Deshalb soll an dieser Stelle das Superkompensationsmodell kritisch hinterfragt werden.
Das Superkompensationsmodell wurde zwar in den letzten Jahren hinsichtlich seiner Umsetzbarkeit und Verallgemeinbarkeit hinterfragt, es dominiert aber eindeutig noch die trainingswissenschaftliche Lehre. Fast kein trainingswissenschaftliches Lehrbuch verzichtet bis heute auf seine Darstellung zur Begründung von Adaptationen durch Training. Die Superkompensation ist zwischenzeitlich jedoch durch die fortschreitende Sportwissenschaft und den neueren Erkenntnissen aus dem Trainingsalltag in weiten Bereichen nicht mehr hinreichend:
In zahlreichen Darstellungen des Superkompensationsmodells wird der Eindruck erweckt, man könne daraus eine zeitlich exakte Trainingssteuerung ableiten und unter Berücksichtigung des Prinzips von Belastung, Erholung und Wiederherstellung einen unendlichen linearen Formanstieg erwarten. Dies hat sich als falsch herausgestellt. So ist im Besonderen die vereinfachte Annahme, dass sämtliche durch das Training erreichten Anpassungsvorgänge dem gleichen Vorgang folgen, nicht mehr stimmig. Die beanspruchten Funktionssysteme benötigen in der Anpassung an das Training nach einer hohen Trainingsbelastung sehr unterschiedliche Zeiträume zur Wiederherstellung. Die Wiederherstellungs- und Anpassungsprozesse laufen nicht so regelhaft ab, wie sie im Superkompensationsmodell dargestellt sind. Ihre Zeitdauer ist vom Beanspruchungsgrad, aber auch vom beanspruchten Funktionssystem abhängig. Am schnellsten laufen mit einer Dauer von wahrscheinlich wenigen Sekunden die Anpassungsprozesse der Informationsübertragung zwischen Nerven und Muskeln. Der Adaptationsprozess, in dem das neue Zusammenspiel von Muskeln, Nerven- und Immunsystem und der hormonalen Steuerung aufeinander abgestimmt wird, kann oftmals mehr als sechs Wochen dauern. So wird das Ausgangsniveau beim Kreatinphosphat zum Beispiel in drei Minuten und beim Muskelglykogen erst nach mehreren Tagen Regeneration erreicht. Die Regeneration der Muskelproteine, die am Kontraktionsvorgang beteiligt sind, kann Wochen dauern. Während ATP (Adenosintriphosphat) beispielsweise in der Konzentration selbst nach großen Anstrengungen nicht wesentlich verändert scheint, ist von weiteren Substanzen (wie dem Glykogen) das Gegenteilige bekannt. Die verallgemeinernde Annahme vom gleichen Reaktionsmuster des gesamten Stoffwechsels ist also in großen Teilen überholt. Gänzlich falsch wird das Verständnis des Superkompensationsprinzips in der Trainingspraxis allerdings dann, wenn von den bekannten zwei bis drei Tagen der Regeneration und anschließenden Steigerung der Leistungsfähigkeit ausgegangen, und möglicherweise noch von einem Anstieg über einen langfristigen Zeitraum gefolgt wird. Die Zeitachse des Superkompensationsmodells enthält keinerlei Zeiteinheiten, an denen man die Dauer der verschiedenen Phasen ablesen könnte. Somit gibt die x-Achse der Grafik keine Auskunft über Belastungs- und Erholungsdauer und die Grafik selbst nichts Aufschlussreiches über die dahinter stehenden Mechanismen. Genauso erweckt das Modell der Superkompensation den Eindruck von unendlich fortsetzbaren Anpassungsmöglichkeiten, die es faktisch nicht gibt. Das ständig weitere „Aufstocken“ der Superkompensationsphase ist nicht unendlich fortsetzbar. Im Band von Schnabel et al. (1997, S. 74) wird betont: „Das adaptive Verhalten ist -genetisch bedingt- individuell festgelegt […]. Auf gleiche Anforderungen können Individuen recht unterschiedlich reagieren […].“ Mit zunehmendem Leistungsniveau werden die Zuwächse immer geringer und die genetische Anpassungsreserve ist begrenzt (Rostock, 2003, S. 215). In der Praxis kann trotz zunehmender Spezialisierung jedoch nicht erreicht werden, dass die Leistung geradlinig bis zur Maximalleistung fortschreitet. Die Spezialisierung hilft zwar dem Organismus die Energiebereitstellung für unnötige Aufbauvorgänge einzusparen, doch kommt es vielmehr zu Stagnationen und sogar zu Rückschritten in der Leistungsentwicklung. Dies ist durch die Art der Adaptationsvorgänge begründet: Die Homöostase, die sich in jeder Anpassungsstufe erneut ausbildet, stellt einen dynamischen Funktionszustand dar, in dem sich aufbauende und abbauende Vorgänge das Gleichgewicht halten. Proportional mit den Anforderungen an aufbauende Vorgänge steigen auch die Abbauenden (Türk, 1989, S. 6). Im Grenzbereich der Leistungsfähigkeit bewegt sich der Sportler wahrscheinlich auf einem schmalen Grad dessen, was einer Leistungssteigerung förderlich sein kann. Des Weiteren macht das Superkompensationsprinzip in seinen Teilprozessen (Belastung, Wiederherstellung und Superkompensation) und ihrer Zeitdauer keine Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen, Trainierten und Untrainierten sowie zwischen den Geschlechtern. Ebenfalls nimmt es weder auf Lebensalter oder Niveau der Leistungsvoraussetzungen noch auf Ernährung (Auffüllung der Speicher) Bezug. Wie sich ein Sportler in der Phase nach einer intensiven körperlichen Belastung (beispielsweise einem Trainingslager) verhält, ist entscheidend für die Dauer seiner Regeneration. Äußere Umstände wie ungünstige klimatische Einflüsse, ungenügende Flüssigkeits- und Nahrungszufuhr, ein Schlafdefizit sowie Genussgifte (beispielsweise Nikotin und Alkohol) verlangsamen den Prozess der Erholung. Das zügige Wiederauffüllen der Speicher (Kohlenhydrate, Eiweiße und Elektrolyte), ein gesunder Schlaf und physiotherapeutische Maßnahmen dagegen unterstützen die Regeneration. Zusammenhänge, die das schlichte theoretische Modell der Superkompensation überhaupt nicht berücksichtigt. Es kommt hinzu, dass die Phasen der Wiederherstellung nach hohen Belastungen beim Trainierten im Vergleich zum Untrainierten unterschiedlich schnell ablaufen. Selbst Sportlern auf gleichem Leistungsniveau können auf dasselbe Belastungsprofil völlig unterschiedlich reagieren. Die Reaktion auf bestimmte Belastungen ist als hochindividuell anzusehen.
Das Niveau der aktuellen Leistungsfähigkeit ist von einer Vielzahl
leistungsbestimmender Faktoren abhängig und nicht nur von der Kapazität
der Energiespeicher. Insofern darf in der grafischen Darstellung des
Superkompensationsmodells die Ordinate nicht mit Leistungsfähigkeit,
Leistungszustand oder Trainingseffekt verwechselt werden. Die bisherige
Interpretation des Superkompensationsmodells beinhaltet einige
Widersprüche und täuscht eine Genauigkeit vor, die es in Wirklichkeit
nicht gibt.
7. Zwei-Faktoren-Theorie
Man geht davon aus, dass die Leistungssteigerung nicht so riesig ist, aber von anhaltender Dauer und die Leistungseinbußen aufgrund der Ermüdung groß aber nur kurz sind. Die summarische Wirkung wird von der Überlagerung der positiven und negativen Veränderungen bestimmt. In einer ersten Näherung ist die Leistungszunahme und die entsprechende Ermüdung um den Faktor drei different - die Ermüdung dauert also nur zu einem Drittel der Länge der erreichten Leistungszunahme. Zatsiorsky (1996, S. 29) beschriebt, dass man theoretisch bei einer Ermüdungswirkung von einem Tag mit einer für 72 Stunden erhöhten Leistungsfähigkeit ausgehen könne. Betrachtet man beide Modelle, so fällt auf, dass, obwohl es oft konträr dargestellt wird, dies keine widersprüchlichen Theorien sind. Oftmals wird die Zwei-Faktoren-Theorie als der „bessere“ Weg beschrieben. Vergleicht man beide Theorien miteinander, so besteht der wesentliche Unterschied im Zeitbezug und dem Timing. Laut Ein-Faktor-Theorie muss die nächste Trainingseinheit in den Superkompensationshochpunkt fallen, um optimale Ergebnisse zu erzielen. Gemäß Zwei-Faktoren-Theorie sind die optimalen Zeiträume zwischen den Belastungen nicht so wichtig. Der Vorbereitungszustand kann stetig verbessert werden, sogar mit zunehmender Erschöpfung (über einen bestimmten Zeitraum). Allerdings führt dieser Ansatz dann zur komplexen Materie der Periodisierung. Man kann also sagen, dass das Superkompensationsmodell eher eine kurz- bis mittelfristige Betrachtungsweise ist, während die Zwei-Faktoren-Theorie längere Zeiträume mit einbezieht. 8. Fazit Es gibt noch kein wissenschaftliches Modell, welches die Komplexität des
Leistungsgeschehens, die Vielfalt der einzelnen Parameter sowie ihre
Wechselwirkung beschreibt. Es ist nun evident, dass die
Superkompensationstheorie unmöglich alle leistungsbeeinflussende
Parameter modellartig so erfassen kann, dass sie mit geringer
Fehlertoleranz direkt in das Training transferiert werden könnte. Die Antwortet ist folgende: Es hat noch immer seine Berechtigung in der Beschreibung des Verbrauchs und der Wiederauffüllung der Glykogenspeicher beziehungsweise der energiereichen Phosphate. Allerdings ist das Prinzip der Superkompensation zu einfach, um komplexe Prozesse außerhalb dieses Rahmens zu beschreiben. Zudem sind die Anpassungsvorgänge, die nach einer Trainingsbelastung erfolgen, noch nicht vollständig aufgeklärt (beispielsweise die Anpassung für die Hypertrophie beim Krafttraining). Dennoch beinhaltet das Superkompensationsmodell einige Wahrheiten und vor allem die Kernaussage, „nur bei einer optimalen Relation zwischen Belastung und Erholung ist auf Dauer Fortschritt zu erzielen“, muss man definitiv so stehen lassen. In der Trainingspraxis ist es unerlässlich „Belastung und Erholung als Einheit“ (Weineck, 1996, S. 34) zu planen. Deshalb ist es wichtig, das Prinzip der Superkompensation als ein Modell zu verstehen, das die Anforderungen an die Trainingsgestaltung im Zeitverlauf allgemein formuliert. Eine unmittelbare Umsetzung in einen Trainingsplan ist aus den vorher genannten Gründen demzufolge nicht möglich. Vielmehr müssen Parameter wie Intensität, Belastungsdauer, Pausenlänge und Zyklisierung des Trainings von erfahrenen Trainern in Zusammenarbeit mit dem Athleten festgelegt, überwacht und gegebenenfalls angepasst werden. Gerade für den Anfänger ist es wichtig, dass, wenn eine große Anzahl von Theorien auf einen niederprasselt, man sich nicht in Details verliert, sondern den Gesamtrahmen im Blickfeld behält. Gut zu trainieren ist demnach eine Kunst. Wie Janssen (2003, S. 165) betont: Die Kunst des richtigen Dosierens zwischen Belastung und Erholung. Man sollte niemals vergessen, dass im Mittelpunkt immer die Freude am
Sport und an der eigenen Leistung stehen sollte. Auch wenn die
Leistungssteigerung objektiv klein sein mag, so hat sie ihren großen
Wert für den einzelnen –
die Freude über eine selbst erzielte Leistung.
9. Literaturverzeichnis Friedmann, Karl. (2002). Trainingslehre: Sporttheorie für die Schule. Pfullingen: Promos. Friedrich, Wolfgang. (2005). Optimales Sportwissen. Balingen: Perimed-spitta. Froböse, Ingo & Hartmann, C. (2002). Bewegung und Training: Grundlagen und Methodik für Physio- und Sporttherapeuten. München: Urban & Fischer bei Elsevier. Grosser, Manfred, Brüggemann, Peter & Zintl, Fritz. (1986). Leistungssteuerung in Training und Wettkampf. München: BLV-Verlag. Hartmann, C. & Minow, Hans J. (1999). Sport verstehen – Sport erleben. Teil 2: Trainingsmethodische Grundlagen. Radebeul: Karl May. Horn, Dennis. (2004). Trainingssteuerung, Trainingsplanung im Krafttraining nach der ILB-Methode.(broschiert) München: Grin. Janssen, Peter G.J.M. (2003). Ausdauertraining: Trainingssteuerung über die Herzfrequenz- und Milchsäurebestimmung. Balingen: Perimed-spitta. Meck, Sabine und Klussman, Paul G. (2001). Festschrift für Dieter Voigt. [Elektronische Version]. Berlin-Hamburg-Münster: LIT. Rostock, Joachim. (2003). Haltung und Bewegung im Sport: Theorie, Aneignung, Diagnostik. [Elektronische Version]. BoD-Books on Demand. Schnabel, Günter, Harre, Dietrich & Borde, Alfred. (1997). Trainingswissenschaft: Leistung- Training-Wettkampf. Berlin: Sportverlag. Schurr, Stefan. (2003). Leistungsdiagnostik und Trainingssteuerung im Ausdauersport. [Elektronische Version]. BoD-Books on Demand. Slomka, Gunda. (2008). Das neue Aerobictraining. Aachen: Meyer & Meyer. Steffny, Herbert. (2007). Das große Laufbuch: Vom richtigen Einstieg bis zum Marathon. München: Südwest. Türk, Joachim. (1989). Superkompensation von Muskelglykogen. Universität Kaiserslautern. Van den Berg, Frans. (2003). Angewandte Physiologie: Das Bindegewebe des Bewegungsapparates verstehen und beeinflussen. Stuttgart: Georg Thieme. Weineck, Jürgen. (1996). Optimales Training: Leistungspysiologische Trainingslehre unter Berücksichtigung des Kinder- und Jugendtrainings. (9., überarbeitete und erweiterte Auflage). Balingen: Perimed-spitta. Wessinghage, Thomas. (1996). Laufen: Der Ratgeber für Ausrüstung, Technik, Training, Ernährung und Laufmedizin. (4., überarbeitete und erweiterte Auflage). München-Wien-Zürich: BLV.
Zatsiorsky, Vladimir M. (1996). Krafttraining - Wissenschaft und Praxis.
Aachen: Meyer & Meyer. |
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