Allgemeine Trainingstheorien
29. Januar 2008Wie in den
Ansätzen zur Periodisierung aufgezeigt, basiert eine wesentliche
Voraussetzung des dauerhaften Trainingserfolges in der konstruktiven
Anordnung von Phasen der Belastung und der Erholung. Zugrunde liegt auch
hier ein stark vereinfachtes Bild der Wirklichkeit, das jedoch genügend
Raum für eigene Erfahrungswerte bietet und die Aufforderung enthält,
sein Training effektvoll, zielgerichtet und überlegt zu gestalten. Bereits im Jahr 1977 wurde in russischen Arbeiten eine Theorie
durch Jakowlew begründet, die - wenn auch zwischenzeitlich in
vielen Bereichen begrenzt - noch heute Anwendung bei der Konzeptionierung des sportlichen Trainings findet.
Die Superkompensationstheorie (Ein-Faktor-Theorie)
Grundlage hierbei bildet die Annahme, dass die aktuelle
Leistungsfähigkeit eines Sportlers maßgeblich durch die Verfügbarkeit
notwendiger biochemischer Substanzen im Körper beeinflusst wird. So ist
in Folge einer schweren anaeroben Trainingseinheit beispielsweise
der Glykogenhaushalt zunächst derart beeinträchtigt, dass bei einer
weiteren Leistungsüberprüfung mit einem negativen Ergebnis zu rechnen
ist. Das folgende Bild beschreibt beispielhaft das dahinterstehende
Gedankenmodell:

Ein-Faktor-Theorie - Superkompensationsmodell
In der ersten Phase der Belastung (Trainingseinheit) vermindert sich
zunächst die allgemeine wie spezielle Leistungsfähigkeit des Athleten
auf ein geringeres Niveau. Erst in der Erholungsphase erfolgt die
Regeneration, die sogar zu einer leichten Erhöhung der
Leistungsfähigkeit führt (Superkompensation). Das
energetische Potential des Stoffwechsels verbleibt für kurze Zeit
angehoben, um sich letztlich wieder auf dem ursprünglichen Wert einzupendeln.
Ausgehend von diesem Gedanken lässt sich auch die zeitliche Steuerung
von Trainingseinheiten erklären. Bei einer zu kurzfristigen Wiederholung
der Reizsetzung reicht die Erholungsphase in keinem Fall aus, um die
Leistung wie angestrebt zu erhöhen - gegenteilig wird die
Leistungsfähigkeit nach mehreren Einheiten sogar vermindert.

"Abtrainieren" bei zu schneller Reizsetzung
Werden die Trainingseinheiten jedoch zeitlich in zu großen Abständen
absolviert kommt ebenfalls ein nicht gewünschter Effekt zum tragen: Es
findet keine Steigerung der Leistungsfähigkeit statt:

Gleichbleibende Leistung bei zu langer Pausengestaltung
Bei einer relativ exakt festgelegten und geplanten Rhythmisierung
wird hingegen die gezielte Steigerung des Leistungsvermögens erreicht,
indem jeweils in den Phasen der erhöhten Energiebereitstellung eine neue
Belastung gesetzt wird. Auch auf diesen Reiz wird der Körper wieder mit
einem gesteigerten Ausgangsniveau reagieren, was in der Dauer eine
deutliche Steigerung der Belastungsfähigkeit zulässt.

Optimaler Zeitraum der Trainingsplanung
Mit Hilfe der "Ein-Faktor-Theorie" lassen sich auch
neuere Erkenntnisse aus der Trainingspraxis erklären.
Beispielsweise liegen die Vorteile einer Stoßbelastung vor Wettkämpfen
in der gezielten kurzfristigen Häufung von Belastungsreizen (kurzes
vermehrtes Training), die in der darauf folgenden Trainingspause zu
einem nochmals deutlich erhöhten Leistungsstand am Tag X führen, während
aber die unmittelbare Wettkampfvorbereitung im Sinne der
Superkompensation dann eine Verringerung der Trainingseinheiten (nicht
der Belastung in den jeweiligen Einheiten) fordert.

Stoßbelastung in der Superkompensationstheorie
Grenzen des Gedankenmodells
Die Superkompensation findet in der Traininigsplanung und Gestaltung
noch immer Verwendung, ist zwischenzeitlich jedoch durch die
fortschreitende Sportwissenschaft und den neueren Erkenntnissen aus dem
Trainingsalltag in weiten Bereichen nicht mehr hinreichend. So ist im
Besonderen die vereinfachte Annahme, dass sämtliche durch das Training
erreichten Anpassungsvorgänge dem gleichen Vorgang folgen, nicht mehr
stimmig. Während ATP (Adenosintriphosphat,
ein Energieträger des Oranismus) beispielsweise in der
Konzentration selbst nach großen Anstrengungen nicht wesentlich
verändert scheint, ist von weiteren Substanzen (wie dem Eingangs
erwähnten Glykogen) das Gegenteilige bekannt. Die
verallgemeinernde Annahme vom gleichen Reaktionsmuster des gesamten
Stoffwechsels ist also in großen Teilen überholt, auch wenn die gegenwärtige
Kritik an der Theorie sich an der erst später erweiterten
Globalformulierung stößt, die den gesamten Prozess des Trainings mit
Hilfe dieses Modells zu erklären sucht.
Die Zwei-Faktoren-Theorie
In der Erweiterung (nicht im Widerspruch) wurde der Forderung einer
asynchronen Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit Rechnung getragen,
indem die Erholungsphasen als eigener Bestandteil in das Modell mit
einflossen. Leistungsfähigkeit ist somit abhängig von dem Faktor
Trainingseinheit/impuls und dem Faktor Regenerationszeit. Beide Faktoren
stehen einander gegenläufig gegenüber. Der Trainingseffekt unterliegt
somit zum einen der Leistungssteigerung unmittelbar nach der Belastung,
aber auch der Ermüdung aufgrund der Belastung. In der Summe wird durch
die Überlagerung beider Aspekte ein Trainingszustand erklärt der sich
wiederum abhängig vom Zeitfenster zur nächsten Belastung definiert.

Dual Factor Theory (Zwei-Faktoren-Theorie)
Es wird davon ausgegangen, dass die direkte Leistungsverbesserung
nach dem Training gering, aber langanhaltend ist, wohingegen sich die
Ermüdung hieraus größer, aber von relativ kurzer Dauer zeigt. In einer
ersten Näherung ist die Leistungszunahme und die entsprechende Ermüdung
um den Faktor drei different - die Ermüdung dauert also nur zu einem
Drittel der Länge der erreichten Leistungszunahme. In einem
theoretischen Rechenbeispiel können wir damit bei einer Ermüdungswirkung
von einem Tag mit einer für 72 Stunden erhöhten Leistungsfähigkeit
ausgehen.
Die Theorien in der Praxis
Zatsiorsky stellt in seinem Werk
"Kraftraining - Praxis und Wissenschaft" im Vergleich des
Trainingsalltags beide Modelle gegenüber und verweist darauf, dass trotz
der beiden unterschiedlichen zugrundeliegenden Philosophien
vermutlich beide Systeme über einzelne Phasen hinweg identische
Trainingsmaßnahmen treffen könnten. Unterschiede würden sich
vergleichsweise aber in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung finden
lassen.
- Superkompensationstheorie
Um am Wettkampftag den Gipfel der Superkompensation zu treffen, würde
ein Athlet dieser Theorie zufolge die Anzahl der Trainingseinheiten
zurückfahren - die Belastung in den Einheiten jedoch beibehalten.
- Zwei Faktoren Theorie
Diesem Ansatz folgend wäre die Leistungsfähigkeit bereits erreicht, und
es würde lediglich die Belastung (unter Beibehaltung der
Trainingsanzahl) verringert werden um der Ermüdung wirksam
entgegenzutreten.
Resume
So trocken die Abhandlung der theoretischen Grundlagen für den einzelnen
auch sein mögen, so weitreichend sind dennoch die Auswirkungen auf den
trainingstechnischen Ablauf und die Planung zur Verwirklichung der
sportlichen Ziele. Gerade die moderne und durch Zatsiorsky unterstütze
Lehrmeinung der Zwei-Faktoren-Theorie hat durch seinen Einzug in den
Kraftsport seit Jahren die dort bislang gültigen Trainingspläne
überholt. Im Besonderen der
Westside
Barbell® Club revolutionierte durch seine hierauf fundamentierten
Methoden die Abläufe in der Konzeptionierung seiner Trainingseinheiten
und behielt Erfolg dabei. Es lohnt sich also mehr als einen Blick auf
die begründende Theorie zu riskieren und die notwendigen Grundlagen aus
erster Hand zu erfahren. Ganz wesentlich hierfür unser Buchtipp zu
diesem Thema:
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Die Monographie stellt in ausführlicher und praxisbezogener
Weise den in den letzten Jahrzehnten erreichten Kenntnisstand
zum Krafttraining dar, der für das Training in nahezu allen
Sportarten von Bedeutung ist, Grundlagen der Arbeit bilden
erfolgreiche Krafttrainingskonzepte, Trainings- und
Leistungsdaten von über 1000 Spitzensportlern sowie die
Erfahrungen erfolgreicher Trainer. Nachstehend eine Auswahl der
behandelten Aspekte: Prinzipien der Trainingstheorie; Faktoren,
die die Muskelkraft bestimmen; Methoden des Trainings mit
verschiedenen Widerstandsformen; Steuerung der
Trainingsbelastung über Intensität; zeitliche Abfolge von
Trainingsbelastung (kurz- und mittelfristig); Hauptaspekte der
Trainingsperiodisierung; Auswahlkriterien für
Krafttrainingsübungen; Maßnahmen zur Verletzungsprophylaxe beim
Krafttraining; Aufgabenspezifisches Krafttraining.
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