| Moosbummerls Reise Dies ist die Geschichte vom Moosbummerl. Aber wer ist denn das Moosbummerl, werden Sie fragen? Nun, das Moosbummerl ist ein kleiner Troll. Klein - nein, so stimmt es nicht – für Trollverhältnisse ist er eher groß, aber vor allem ist er stark, sehr stark ist er. Das Moosbummerl wohnt im Dachauer Moos. Daher sein Name. Er lebt da am Rande einer netten, ansehnlichen und sehr modernen Trollsiedlung. Es ist eine große Trollsiedlung, ähnlich einer mittleren Kleinstadt und der Trollmeister legt großen Wert auf die fortschrittliche Entwicklung seines Städtchens. Das Haus unseres Moosbummerls ist ein, für unsere Verhältnisse, mittelgroßer Baumstumpf – vor ein paar Jahren, als das Moosbummerl gerade auf der Suche nach einer geeigneten Behausung war, schlug ein Blitz in eine große Buche ein. Übrig blieb der Stumpf, den sich Moosbummerl recht gemütlich eingerichtet hat. Zur ebenen Erde hat er seine Küche und seine Wohnräume gelegt, oben ist der Schlafraum. Das Badezimmer ist auf dem Dach und wird ökologisch bedient – deshalb hat unser Moosbummerl stets frisches Regenwasser zum Duschen – und deshalb riecht er auch immer so frisch. Ja, die Trolldamen sind ganz verrückt nach dem frischen Geruch unseres Moosbummerls. Nun werden sie sich sagen: was macht denn so ein Troll den ganzen Tag? Nun, das ist schwer zu sagen – am besten trifft es wohl der Ausspruch: na, er trollt eben. Allerdings muß an dieser Stelle gesagt werden, dass der Trollstamm, dem unser Moosbummerl entspringt, ein recht friedlicher Stamm ist – sie tauschen keine Kinder aus, führen keine Kriege und sind auch nicht für allerlei Dummheiten verantwortlich. Das heißt nicht ganz: früher machten sie sich ab und an einen Spaß daraus, einen einsamen Wanderer in die Sümpfe zu ziehen – sie rollten sich so zusammen, dass sie aussahen wie ein Felsen und wenn der Wanderer dann, froh endlich einmal sicheren Stand zu finden, auf ihn trat, packten sie ihn an den Füßen und zogen an – und wenn der dann so richtig fest ins Wasser platschte, dann jubelten sie und freuten sich über ihr Geschick und ihre Kraft. Jedoch – inzwischen gilt unter den Trollen dieser Spaß nicht mehr als chic. Was sie jedoch nicht verloren haben ist ihre unbandige Körperkraft. Einmal im Monat, immer zu Neumond, veranstalten die Trolle, um sich ihrer ursprünglichen Kraft zu erinnern und ihrer zu gedenken, einen triathletischen Krafttag in den Disziplinen Felsbrockenweitwurf, Baumstammschleudern und Ochsenringen. Doch wir waren ja bei Moosbummerls Haus stehengeblieben. Sagenhaft ist Moosbummerls Speisekammer. Sie liegt verborgen, knapp unter der Erde und ihr Umfang misst den Umriss des ganzen Buchenstamms. Sechs Tage hat er gebraucht, um sie auszuheben. In ihr sind alle denkbaren Köstlichkeiten gelagert. Ein großes Kühllager ist voll gestopft mit Pommes und Kroketten, daneben befindet sich eine monströse Truhe mit allerlei Fleischwaren. Kassler, Braten aller Art, Haxn, Würste liegen neben Spießen, Brätlingen und Brät. Deftig liebt es das Moosbummerl. In den Regalen befinden sich ein paar Ketchupflaschen, einige Gläser mit Majonäse, reichlich Bratensoßen, Nudelsoßen und asiatische, mesopotamische und andalusische Gewürze. In einem weiteren Regal häufen sich Nudeln, Spätzle und Teige für Schupfnudeln, Dampfnudeln und Maultaschen. Und dann ist da noch ein Schrank mit Süßigkeiten - Schokolade, kandierte Früchte, Popcorn, große Dosen mit Gummibärchen und Kuchen aller Art. Und erst das Bier! – alles Starkbier, fässerweise lagert direkt neben den erlesensten Whiskeysorten aus dem Jahr 1798, zum Mischen der jüngeren Jahrgänge stehen ein paar Colaflaschen bereit. Nur die 6 Paar Weiswürscht fürs Frühstück, die holt er jeden morgen beim Trollmetzger, zusammen mit den 6 Brezen. Eines Morgens jedoch, am siebten Krafttag des Jahres, da war unser Moosbummerl recht traurig anzusehen. Sein alter Freund, der Elf vom Fliegenpilz saß bei ihm und hörte ihm geduldig zu. „Ach weischt“, sagte Moosbummerl, „mi gfreit des ois nimmer recht. Schaug, jetzt ist scho wieder Krafttag, und mei, was moanst, wer den wieder gwinnt – scho wieder i. Des is dann des sechundfünfzigste Moi hintranand – mei, da kummt hoid koa Freid auf.“ Verständnisvoll nickte sein Freund, der Elf. „Und jetzt?“, fragte er, „was magschnt jetztad machen? Du kannst ned einfach denebn sitzn und glotzn – da, moan i, foit der Watschnbaum um.“ „Jo“, knurrte das Bummerl, „recht hascht scho“ und starrte angefressen in sein Whiskycola. „Woast wos, mir haun ab, verziagn ma uns, moanscht net? Ned für immer, nur für a Zeit. Mei, mi glischts.“ Gesagt – getan. Heimlich schliche der Elf und das Bummerl sich davon, hinten rum vorbei an der johlenden Menge, die darauf warteten, dass endlich das Moosbummerl zum thriathletischen Krafttag erscheinen würde. Bald hatten sie jedoch die Stimmen weit hinter sich gelassen und machten sich auf in das Land der Hünen, das zwei Tagesmärsche entfernt lag. Während sie so marschierten, lachten und scherzten sie – das Moosbummerl freute sich schon sehr darauf, zu neuen Wettkämpfen anzutreten, ging doch das Gerücht um, die Hünen hätten sehr viel schwierigere Wettkämpfe. Am Nachmittag des zweiten Tages trafen sie ein. Nach einigem Suchen fanden die beiden endlich im Land der Hünen eine Muckibude. Beherzt traten sie ein. Als sie jedoch an der Theke standen, wanderten ihnen von ein paar richtig dicken Hünen erstaunte und sehr belustigte Blicke hinterher. Die meisten kümmerten sich jedoch nicht um die beiden kleinen Gäste. Der Elf betrachtete die komischen Figuren, die an der Bar standen und seltsame Getränke zu sich nahmen. Breiig sahen die irgendwie aus und scheußlich schienen die zu schmecken, wie Tofu. Kleine Körbchen standen überall herum und von Zeit zu Zeit griff immer mal wieder einer der Hünen hinein und schob sich dann ein kleines blaues oder grünes oder weißes Käpselchen in den Mund. Dazu sagten sie dann so Sachen, wie: des pumpt gscheid, da schiebst glei 50 mehr, da wächst´ davon und andere unverständlichen Dinge. In den hinteren Räumen ächzten und stöhnten ein paar zierlicher aussehende Hünchen, während sie versuchten, eine Stange mit runden Scheiben in die Höhe zu stemmen. Meistens plumpsten die sofort wieder runter und zwei andere mussten sie auffangen. Aha, dachte das Moosbummerl, da hinten sind die, die noch lernen müssen. Der Elf, der etwas zart besaitet war fühlte sich inmitten der durchlöchernden Blicke nicht sehr wohl. Aber das Moosbummerl stand entschlossen an der Theke. Ein Herr mit einem Nacken, so dick wie ein Stier, aber so unbeweglich wie ein Bügelbrett, beugte sich ächzend über die Theke und schaute zu den beiden seltsamen Gästen. „Was wollt Ihr denn hier?“, fragte er belustigt. „Oa Bier und mitmachen mecht i“, meinte das Moosbummerl recht freundlich. Die anderen, die zwar noch nicht ganz aussahen wie Stiere und sich auch noch ein bisserl besser bewegen konnten, lachten ziemlich gehässig. „Franz, hol schon mal die Beilagscheiben aus dem Auto“, „Bist auf Diät, Du Zwergerl“, „Schöne, schlanke Arme hast – mei und des runde Baucherl“ und andere Sprüche wurden losgelassen. Weder das Moosbummerl noch der Elf verstanden den Grund für diese Fröhlichkeit, aber man sah den Spott auf ihren Lippen. Doch das Moosbummerl war fest entschlossen, lächelte weiter und nahm sein Bier in Empfang. Der Elf dagegen wurde langsam wütend. Gerade als einer hämisch grienend sagte: „In welchem Getränkemarkt hast´n Dein letzten Sixpack gekauft“ wurde es dem Elf zu dumm und er rief: „Ihr Deppen, ihr damischen. Stark isser, s´Bummerl, jawollja, sehr stark isser, s´Bummerl.“ Nun war die letzte Zurückhaltung dahin und die Gscheidhammel brachen in schallendes Gelächter aus. „Wennst so stark bist“, sagte er, „dann zeig halt mal, was Du so schiebst.“ „Gerne“ erwiderte das Bummerl, obwohl es keine Ahnung hatte, was es wohin schieben sollte. Nun wurde es spannend. Die Thekenmannschaft, das Bummerl und der Elf wandten sich den hinteren Räumen zu. Drinnen standen gerade vier Männer um einen großen, breiten Kerl rum, der auf einer Couch lag; über ihm lag so eine Stange, an dessen Ende ein paar Scheiben montiert waren. Ehrfürchtige Stille herrschte in dem Raum und man hörte aus ein paar Ecken ein geflüstertes: 422,5. Moosbummerl wollte gerade einen Schluck von seinem Bier nehmen als es ganz furchtbar, direkt neben ihm krachte. Der Ochse von der Couch sah puterrot aus und hielt sich jammernd die Knochen, während die anderen vier ganz aufgerecht waren herumfuhrwerkten und quasselten. „Mei wie konnt den des passieren?“ „Wie is denn des hergegangen?“, sagten sie, und beugten sich besorgt über den Dicken auf der Couch. Das Moosbummerl verstand die Aufregung überhaupt nicht. Er wechselte sein Bier in die rechte Hand, damit er die Linke frei hatte, griff die Stange und hob sie hoch. „Da, die isch Dir obigfoin. Wo wuischtn die hi ham?“ fragte es hilfsbereit. In diesem Augenblick starrten alle sprachlos das Moosbummerl an. Der Typ, der auf dem Sofa vor sich hinjammerte, war vergessen. Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, gingen sie mit dem Moosbummerl nach draußen, klopften ihm auf die Schulter und auf den Rücken und brachten ihn zur Theke. Ja, so wurde das Moosbummerl aus dem Dachauer Moos ein Held. Seine neuen Freunde wollten ihn seither zu jedem Wettkampf schicken, sie sagten, das sei er dem Verein schuldig bei seinem Talent. Eine Weile machte das Moosbummerl das mit, aber bald wurde es ihm zu langweilig und außerdem bekam er Heimweh. Und so dauerte es nicht lange und er wanderte mit seinem treuen Freund, dem Elf, zurück nach Hause. Da war der Trollmeister recht froh, weil nun der Tourismus wieder lief. Aber manchmal, ja manchmal, da hat das Moosbummerl mal wieder Lust, statt Felsbrocken, Baumstämmen und Ochsen mal wieder so ne niedliche Hantel zu schieben. Und dann, dann trifft man ihn auch mal auf einem Wettkampf. |
| © Christine Findeisen (München im Januar 2007) |