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Moosbummerl und die Wolpertinger

So alles in allem, das haben Sie ja schon erfahren, geht das Leben im Dachauer Moos seinen ruhigen und gemütlichen Gang. Nur ab und an passieren Dinge, die einem das Gemüt mächtig in Aufruhr bringen können. Um dann noch völlig gelassen zu reagieren, dazu braucht es die Nerven eines echten Moosbummerls und einen wahren Freund. Aber lassen sie mich von Anfang an erzählen.

Es war an einem schönen, ruhigen Sonntag Vormittag. Das heißt, es hätte ein ruhiger Vormittag sein können, wenn da nicht die Jahresmeisterschaft der stärksten, baumstammwerfenden Athleten im Land gewesen wäre. Und so wuselten bei strahlendem Sonnenschein im ganzen Ort aufgeregte Gemüter durch das idyllische Dorf, in dem unser Moosbummerl lebt. In vielen Ecken standen Athleten aus den verschiedensten Geschlechtern. Große, breite Hünen mit Muskelbergen auf jeder Schulter, kleinere aber noch breitere Athleten aus dem Gnomenland, ganz wild ausschauende Baumwerfer aus dem Zwergenland und noch wilder ausschauende und noch viel breitere Werfer aus dem Land der Riesen.

Rund um das Areal, auf dem der Baumstammweitwurfwettkampf stattfinden sollte waren viele lustige, bunte Buden aufgebaut. Hier gab es alles, was so ein Athletenherz begehrt. Bunte Herzerl aus Lebkuchen, Mandeln, gebrannte Nüsse und Zuckerwatte. Drei Stände mit Bitterschokolade. Vier oder fünf Stände mit Athletennahrung und Vitaminen. Ein Stand war dabei, auf dem Stand ein großes Schild: frische Pute/ frisches Huhn mit einem großen Gatter hintendran, an dem sich der Athlet dann sein Essen selbst aussuchen konnte. Im Stand selber waren sieben Frauen, die den Athleten das Menü schmackhaft nach Wunsch zubereiteten.

Und auch das festbegleitende Ambiente war fantastisch anzusehen. Dort liefen sehr feingliedrige, aber ungemein sehnige Baumstammbogenschützen aus Hinterdupfing eine Parade, dann kam eine ganze Riege hübscher Mädels vom Petersbergl, die unsere Athleten anfeuern sollten. Und erst die Trachten – eine schöner und rustikaler als die nächste.

All das beobachtete unser Moosbummerl mit dem größten Vergnügen. Gemütlich saß er auf einer Bank am Rande des Trubels und sinnierte so vor sich hin. In der Hand hielt er eine riesengroße Breze, von der er von Zeit zu Zeit ein Stück abriss und es genüsslich in den Mund steckte. Dann hielt er die Breze wieder seinem Freund, dem Elfen hin, der neben ihm saß. Dem Elfen war die Anspannung anzusehen und vor allem war sie zu hören. „Du Moosbummerl, schau mal, der dritte von links da hinten der sieht wirklich sehr stark aus. Aber den schaffst locker“, hörte man ihn, nebenbei Breze schmatzend sagen. Und: „Oh, Moosbummerl, schau mal, der da drüben, der Gnom, weia, macht der a grimmiges Gsicht. Der meints ernst. Aber den schaffst locker.“, winkte der Elf auch bei diesem Gegner ab. „Du Moosbummerl….“ So ging es in einem fort. Aber jedes Mal, wenn der Elf wieder einen gefährlichen Gegner gesehen hatte, steckte er sich ein neues Stück Breze in den Mund. Dabei fiel sein Blick auf das Moosbummerl, der da in aller Seelenruhe saß und lächelte. Und dann wusste er sofort: Nein, der kann ihm gar nix. Und so wurde auch der Elf immer ruhiger und richtete seinen Blick auch auf den wunderbaren Festzug.

Dieser war inzwischen weiter vorangeschritten. Und nun kamen die Wolpertinger von der Bruck. Auch sie wanderten zunächst sehr ordentlich und sittsam im Festzug mit. Lustig sah das aus: da kamen Hirschköpfe mit Fischgebiss, Gamsbärte auf Sauköpfen, Ziegenhörner auf Hirschschädel und Truthähne auf Murmeltierohren. Allen voran schritt der Leiter der Festabteilung, ein Ziegengebiss im Daunenkleid auf Hasenfüßen und blies die Tuba. Diese war mit einem Band um seinen Hals befestigt und so konnte er den Takt mit den Händen vorgeben und dabei wippten seine zwei Zeigefinger lustig im Rhythmus hin und her.

Doch plötzlich kam Unruhe in den Zug hinein und die Wolpertinger fingen aufgeregt an zu flüstern und zu fuchteln. Der ohnehin schon recht bunte Haufen wurde bunter und bunter, je aufgeregter die Stimmung wurde. „Oh,“ hörte man aus den Leiter zu den anderen wispern, „schau, da isser.“ „Da isser, da isser“, schallte es rauschend flüsternd aus der Gruppe heraus. „Das Moosbummerl“. Und plötzlich kam der Festzug zum Erliegen. Die Wolpertinger kamen nicht mehr vom Fleck.

„Oh, mei“, seufzte das Moosbummerl zum Elfen „i glab, da muaß i amoi nüber schaun und dene d Hand schütteln. Jeza ham sas endli amoi gschafft, dass eini derfan in Feschtzug. Siebn Jahr hams jetza uma sunst ogfragt, aber dies Jahr hamma nachgebn, wie uns die Sterndlwerfer absogn ham miaßa.“ Und schweren Herzens erhob sich das Moosbummerl von seinem gemütlichen Platz und hielt auf die Gäste zu. Nein, so ein Aufheben um seine Person war ihm nicht recht. Grad wollte er dem Leiter der Gruppe die Hand schütteln, damit der Zug weitergehen konnte, da sanken, wie auf einen Streich hingehauen, alle Wolpertinger in die Knie und begannen seltsam zu summen.

„Was issn des?“ Mit hochgezogener Braue fiel Moosbummerls Blick zu seinem Spezl. „Mein Gott,“ patschte sich der Elf auf die Stirn. „Jetzt singen die ein Mantra.“ Und tatsächlich. So langsam drang aus dem ganzen Gemurmel ein Text hervor: ...KRÄFTIGES UND STARKES UND MÄCHTIGES MOOSBUMMERL - IN DEINER NÄHE FÜHLE ICH MICH SICHER UND BESCHÜTZT - DU GIBST MEINEM LEBEN EINEN NEUEN DRIVE..." So knieten die Wolpertinger vor dem Moosbummerl, umschlangen seine Beine, griffen nach seinen Händen, in denen das Moosbummerl noch den Rest der Breze hielt. Immer dichter ruckten sie an das Moosbummerl heran. Immer näher an seine Hand. Das Moosbummerl hielt die Hände hoch und sicherte seine Breze, denn beim Essen, da kennt das Moosbummerl gar keinen Spaß. Der Elf wurde ganz hektisch. „Moosbummerl,“ rief er über das Raunen der Wolpertinger hinweg, das inzwischen immer lauter und wilder wurde. „Wirf die Breze weg!“ „Spinnst jetzt, mei schene Brezn.“ Inzwischen kletterten die Wolpertinger am Moosbummerl hoch, hangelten sich am Bein hoch, zogen und zerrten an seinem T-Shirt. „Doch, machs.“ „Na gut,“ seufzte das Moosbummerl „da fang.“ Und schon flog die Breze in hohem Bogen auf den Elfen zu. „Nein“, schrie der Elf entsetzt auf und verpasste der Breze, als sie in seiner Augenhöhe war einen solchen Schlag, dass sie zwanzig Meter weiter weg flog und auf dem Boden landete.

Entsetzt betrachteten das Moosbummerl, der Elf, die Athleten und die Zuschauer was nun geschah. Die Wolpertinger waren die ganze Zeit mit dem Blick der Breze gefolgt und kaum hatte diese den Boden berührt, stürzte die ganze Meute darauf zu, zerrupften sie in der Luft und stopften jeden Krümel, den sie erwischen konnten in ihre Münder, Mäuler, Kiemen und Schnäbel. Dann war schlagartig Ruhe unter den Wolpertingern, die Breze war ratzeputz weggefressen. „Spinnst“ schnaubte das Moosbummerl, ungläubig den Kopf schüttelnd.

Aus Höflichkeit schüttelte er noch zwei, drei Wolpertingern die Hand und dann wandte er sich ab und schlurfte in Richtung Kampfareal. Nein, des war ihm zu streng. Der Elf kam an seine Seite. „Wenn die Brezen sehen, dann flippen die aus, so viel Respekt können die vor einem anderen gar nicht haben. Bei Brezen ists aus. Aber simma froh, daßd die Breze dabei hattest, denn das Gesummse von diesen Wolpertingern macht einen furchtbar müde und raubt einem die Muskelkraft. Nach ein paar Minuten von diesem Singsang fällt man schlafend in sich zusammen. Und die Deppen wundern sich dann immer, warum ausgerechnet alle die, die sie anhimmeln einschlafen,“ erklärte der Elf. „I woaß scho“. Moosbummerl grinste seinen Kumpel an. „Wolpertinger halt.“

Die Menge folgte den beiden. In ein paar Minuten sollte der Wettkampf beginnen.

Nur einer, der die Szene auch beobachtet hatte, stand an der Seite und fing an bösartig zu schmunzeln. Dieser hatte sich fest vorgenommen den Wettkampf heute zu gewinnen. Kein Gegner hatte ihm dabei Sorgen gemacht, keiner, außer dem Moosbummerl. Seine Kraft war legendär, sein Ruf eilte ihm im ganzen Land voraus. Diese Szene gerade hatte die dunkle Gestalt auf eine Idee gebracht. Nach den Regeln des Spiels war es nämlich so, dass in dem Augenblick, in dem der Kämpfer die Arena betreten hatte, durch nichts mehr in den Verlauf eingegriffen werden durfte. Egal, was auch auf dem Platz passiert. Und nun wusste die dunkle Gestalt, wie es das Moosbummerl besiegen konnte.

Der Wettkampf begann und keiner ahnte, wie schnell er zu Ende sein sollte. Ächzend und stöhnend schleuderten die ersten Athleten ihre Baumstämme. „Ohs“ und „Ahs“ schallten über den Platz und nach kurzer Zeit herrschte eine Bombenstimmung auf dem Sandplatz. Alle jubelten und feuerten an und die Zurufe übertönten das Ächzen und Stöhnen der Athleten. Über ein Megaphon rief der Veranstaltungsleiter die Meter aus: 68m, 87m, 38m. Jeder Meter wurde bejubelt. Es war ein gigantisches Spektakel.

Als der nächste Kämpfer auf den Platz trat wurde es kurz still. Niemand hatte ihn je zuvor gesehen. Er trug einen dunklen Umhang und eine schwarze Kapuze, aus der zwei stählerne Augen herausblitzten. Der Rest des Gesichts war von einem dichten Vollbart zugewachsen. Er legte seinen schwarzen Umhang ab und betrat den Platz, packte den Baumstamm, der für ihn bereitlag und schritt in die Mitte des Platzes. Übers Megaphon hörte man: der Dunkle Schatten Maximilian von Schlauenburg. Zehnfacher Meister im Holzklotztrümmern, 8-facher Sieger im Rindertragen.“ Dann schleuderte der Schwarze den Stamm. „128 Meter, eine unglaubliche Leistung, ein neuer Baumstammschleuderrekord“, brüllte der Megaphonist. Und ein Applaus toste los.

„Moosbummerl, Moosbummerl“ brüllte die Menge los. Sie wollten nun einen ganz starken Wettkampf sehen. „Na, dann gehst halt jetzt schon“, meinte der Elf. „Hascht Recht“, kam vom Moosbummerl, „jetzt wer man bitzeln.“ Und schritt zum Kampfplatz. Der Stamm lag bereit.

Doch gerade, als das Moosbummerl danach griff, flog eine Breze auf ihn zu und landete vor seinen Füßen. Das Moosbummerl bückte sich um sie aus dem Weg zu räumen. Doch in Nullkommanix schossen die Wolpertinger auf die Breze zu, rissen sie dem Moosbummerl aus der Hand und vernichteten sie in Sekundenschnelle. Staub wirbelte unter dem heillosen Gewusel hoch, man konnte das Moosbummerl schon gar nicht mehr sehen. Doch es kam noch schlimmer. Kaum hatten die Wolpertinger das Gebäck vernichtet, erinnerten sie sich daran, dass sie ihre Ehrerbietung an das Moosbummerl vorhin gar nicht beendet hatte und begannen wieder ihr Mantra zu singen. ...KRÄFTIGES UND STARKES UND MÄCHTIGES MOOSBUMMERL - IN DEINER NÄHE FÜHLE ICH MICH SICHER UND BESCHÜTZT - DU GIBST MEINEM LEBEN EINEN NEUEN DRIVE...". Schon begannen die kleinen, zarten und schwachen aus dem Publikum von dem Gesummse in sich zusammen zu sinken und schliefen ein. Auch das Moosbummerls spürte schon, wie seine linke Wade weicher wurde.

„Moosbummerl, schleuder los – auf geht´s“, brüllte der Elf. Und das Moosbummerl packte den Holzstamm. Wolpertinger hingen summsend an seinen Armen und Beinen, er konnte sich kaum noch bewegen. Einige dieser Tierchen saßen auf dem Holzstamm, den das Moosbummerl gestemmt hatte und summten von dort oben. Das Moosbummerl holte aus. Er schleuderte den Stamm mit aller Kraft. Durch den Sandnebel sah man ihn davonfliegen. Die Wolpertinger, die auf dem Stamm gesessen waren, flogen kreuz und quer durchs Publikum, das laut aufkreischte. Dann schlug der Stamm auf – von weit weg machte es dumpf: Boms.

„137 Meter! Das ist Wahnsinn! Das ist absolut phantastisch! Einen Jubel für unser Moosbummerl! Ein neuer Weltrekord.“ brüllte es durchs Megaphon. „Hoch lebe Moosbummerl!“

Nur einer sank geknickt in sich zusammen, der Dunkle Schatten Maximilian von Schlauenburg. Nicht einmal sein unfairer Trick hatte ihm geholfen zu gewinnen.

Der Elf rannte aufs Moosbummerl zu, sprang und hüpfte und freute sich wie wild. „Gwonnen hast, gwonnen hast, gwonnen hast“ sang er dazu. Moosbummerl sah seinen Freund lächelnd an. „Ja, gwonnen hamma. Aber sag amoi, Elf, wie hast´n des gschafft, dassd ned eigschlofa bist bei dem Mantra?“ Immerhin war der Elf sehr klein und sehr zierlich und wenig Muskeln hatte er auch. Der Elf kicherte, griff an seine Ohren und zog aus jedem ein Stück Serviette heraus. „Was glaubst Du, Moosbummerl, um nix in der Welt wollt ich Deinen Auftritt verpassen“ und er grinste verschmitzt. Das Moosbummerl lächelte. Ja, ein wahrer Freund war er, der Elf.

Den ganzen restlichen Tag wurde noch gefeiert und gelacht und alle machten schon Pläne für den Wettkampf im nächsten Jahr. Nur die Wolpertinger, die waren abgefahren. Ihr Auftritt war ihnen selbst wohl zu peinlich gewesen. Aber das Moosbummerl sah das alles sehr gelassen. „Mei, Wolpertinger halt.“
 

© Christine Findeisen (München im August 2007)

 

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