| Auf der Spur der Steine - ein Weltreise Bilder, Recherche und Text: Thorsten Moser Heutzutage erscheint es nahezu unmöglich mit Bestimmtheit sagen zu können wo erstmalig ein Stein als Krafttest gehoben oder gestoßen wurde. War es in Griechenland oder war es in China? In Georgien oder gar auf Tahiti? Auf Island oder Schottland? War es in der Schweiz oder gar in Deutschland? Die Liste der möglichen Länder lässt sich beliebig erweitern, doch werfen wir einen Blick auf die oben gelisteten Länder und erfahren etwas mehr über deren Steinhebetraditionen. Interessiert? Auf geht’s.
In Griechenland war das 6. Jahrhundert vor Christi das „Zeitalter der Kraft“ und das Heben von schweren Steinen bildete die Basis eines jeden Gewichthebewettkampfes. Ein 68 cm x 33 cm x 38 cm großer, roter Sandsteinblock mit 143 Kg Gewicht wurde unweit von Olympia gefunden. Der Stein hatte eine Inschrift und diese besagte das „BYBON“ diesen Steinblock einhändig über seinen Kopf warf. Zweifelsfrei gibt es noch weitere Informationen und Hinweise auf das Steinheben und Steinstoßen in der Vorzeit, doch der Vorteil in Griechenland ist bzw. war, dass all dies „bildlich“ in Zeichnungen festgehalten wurde. All dieses Interesse am Steinheben verwundert nicht wirklich – gab es doch damals keine Hanteln und Kraftsportgeräte wie heute, um seine Körperkraft mit anderen zu messen. So war es üblich das Steine gehoben wurden um „den Stärksten“ unter sich auszumachen und zu ehren. Nach der Tang und Song Dynastie wurde das Steinheben im altertümlichen China mehr und mehr öffentlich praktiziert. Steinheben ist kostenfrei und kann nahezu überall praktiziert werden. So wurden in China Steine in Scheiben- und Blockform gehoben. In Georgien und auf Tahiti Doch drehen wir die Erdkugel etwas und landen in Georgien. Ein Land mit einer sehr großen Steinhebekultur. In Kala, Svaneti wird noch heute jährlich am 28. Juli der traditionelle Georgische Folklore Sport auf dem „Kvirikoba Festival“ durchgeführt. Jung und alt, Anwohner oder weitgereister Tourist, steigt den Berg zur kleinen alten Kirche hinauf, um dort dem Steinheben beizuwohnen. Nach Weihnachten und Ostern ist das „Kvirikoba Festival“ das wichtigste und größte religiöse Ereignis in der Region. Auf Tahiti, Papeete wird jedes Jahr im Juli der sogenannte „Heiva Traditional Sports Competition“ veranstaltet. Mehr als 300 Athleten nehmen dort - festlich gekleidet - an dieser Veranstaltung teil. Beim Steinhebewettkampf müssen Steine zwischen 110 Kg und 144 Kg nicht nur gehoben, sondern auch geschultert werden. In Island bediente sich die Seefahrtindustrie in der Vorzeit eines Steinhebekrafttests um den Sold eines jeden Seefahrers zu bestimmen. So wurden vier Steine unterschiedlichsten Gewichtes am Strand deponiert an denen sich die Crew versuchen musste. Je nachdem welchen der vier Steine man hob, so wurde der Sold bemessen. Je schwerer der gehobene Stein, desto höher der Sold. Bei den vier Steinen handelt es sich um die sogenannten „Dritvik Steine“. Jeder Stein hat natürlich seine eigene Bezeichnung: Der kleinste Stein heißt „Amlodi“ (=unbedeutend) und wiegt 23 Kg. Der zweite Stein heißt „Halfdraettingur“ (=graziel) und wiegt 54 Kg. Der dritte Stein hört auf den Namen „Halfsterkur“ (=mittlere Stärke) und bringt schon stattliche 100 Kg auf die Waage. Der größte und schwerste Stein trägt den Namen „Fullsterkur“ (=volle Stärke) und wiegt 154 Kg. Er spülte dem Seemann das meiste Geld in seinen Lederbeutel. Noch heute liegen die Steine dort und warten darauf gehoben zu werden. Eine weitere „Isländische Spezialität“ ist der mächtige „Husafell Stein“ – auch Kviahellan (oder auch „pen slab“) genannt. Er wurde nach einem alten Pfarrer der den Stein als „Tür“ zu seinem Schafstall verwendete benannt. Dieser weltweit bekannte und 190 Kg schwere Stein muss angehoben und 50 Meter um eine Einfriedung (oval) getragen werden. Für Strongmen- und Highland Games Wettkämpfe werden oft exakte Kopien angefertigt. Einmal beim Manhood Stone... Machen wir Halt in Schottland – und nun möchte ich nicht wie im Fußball eine Grundsatzdiskussion über „das Mutterland des Fußballs“ – oder wie in unserem Fall „Mutterland des Steinhebens“ anfangen oder anzetteln, doch wer einmal vor einem traditionellen schottischen „Manhood Stone“ in den Highland stand, sich vorbeugte, die Hände seitlich unter dem Stein platzierte und dann, den Stein Zentimeter für Zentimeter anhob, ihn auf den Knien ablegte und mit den Armen umgriff, ihn hochzog und dann den Stein aufrecht stehend auf der Brust liegen hatte, der weiß wie sich die jungen schottischen Clanmitglieder fühlten – am gleichen Ort, den gleichen Stein hebend.
In Schottland gibt es heute die meisten noch verbliebenen historischen „Manhood“ – und „Testing“ Stones. Aber nicht nur das Steinheben wurde und wird in Schottland traditionell praktiziert, auch das Steinstoßen hatte in den Clans und auch heute noch, bei den Highland Games, einen immens hohen Stellenwert. Auch Christoph der Starke warf Steine Beim Stichwort „Steinstoßen“ sind wir aber
auch bei unseren Eidgenossen angelangt.
Wir machen halt in der Schweiz, in Interlaken – dort wird seit dem
Unspunnenfest 1805 der berühmte „Unspunnenstein“ mit einem Gewicht von
83.5 Kg beidhändig gestoßen.
Der „Unspunnenstein“ ist DAS Symbol überhaupt für das Fest.
Der Originalstein wurde zwei Mal gestohlen und wird noch immer vermisst.
Ein neuer Stein wurde für das Festival bereitgestellt. Mit und ohne Geschirr Wesentlich später wurde dann das Steinheben in Deutschland auf Kraftsportwettkämpfen und Krafttests durchgeführt. Es wurden Standards und Regeln eingeführt. So wurde das wettkampfmäßige Steinheben in Deutschland in drei verschiedenen Techniken durchgeführt, dem „Ein- und zweiarmigen Steinheben“ und dem „Steinheben im Geschirr“. Beim einarmigen Steinheben stellte sich der Athlet über das zu hebende Gewicht, jedes Bein stand auf einer am Boden befestigten Bank oder einem schweren Stuhl. Der Stein wurde durch einen geraden Zug aufwärts gehoben. Zum Anheben durfte sich der Athlet aber nicht zu weit nach unten beugen, damit sich der Vorteil, den die Beine beim Anheben gewähren, nicht verloren ging. Beim Steinheben selbst musste der Athlet stets darauf achten, den Hauptdruck der zu hebenden Last auf die Beine zu verlegen und den Rücken absolut gerade zu halten, um Verletzungen zu vermeiden. Beim Anheben des Gewichtes wurde die nicht ziehende Hand unterstützend auf dem Oberschenkel positioniert. Wie auf den Zeichnungen von Alexandra Zeidler zu sehen, wurde an der Oberseite des Steines ein Eisenring befestigt. Durch diesen Eisenring zog man ein Seil, welches um das Handgelenk des Athleten gelegt wurde. Beim Steinheben im Geschirr wurde ein starkes Ledergeschirr um Nacken und Schulter gelegt. An seinem Ende wurde das Gewicht bzw. der Stein an starken Ketten und einem Haken befestigt. Der Athlet stand auf einer Plattform über der zu hebenden Last. Beim Heben senkte man den Körper mit geradem Rücken, die Füße nahmen eine sichere Stellung ein, die Hände stützten sich auf die Oberschenkel und durch starken Druck auf die Beine versuchte man nun den Körper aufzurichten und somit den Stein vom Boden anzuheben.
Die Steyrer-Story Ein Athlet schickte sich an der Beste Steinheber weltweit zu werden.
Hans Steyrer zog nur zu Beginn seiner Karriere einhändig – schnell
fokussierte er sich auf das Steinheben mit nur einem Finger und erlangte
damit schnell Weltruhm. Diese Art den Stein zu heben war komplett neu
und absolut spektakulär. Dieser sogenannte „Fingerlift“ wurde durch
Steyrer perfektioniert und wurde sehr populär unter den „old-time
Strongmen“ in Österreich und Deutschland. Steyrer ging zuerst auf
Deutschland Tournee und bereiste später Europas Hauptstätte um sich mit
den Besten zu messen. Unbesiegt trat der „Steyrer Hans“ ab – sein
schwerster vor Publikum gehobene Stein war der 528 Pfund Stein, den er
1879 im Circus Herzog hob. (Weiterführende Informationen zum Menschen
und Athleten
Hans Steyrer im sensationellen Buch von Thorsten Moser; Anmerkung
Gwamperter Gust) Steinheben als Bühnen- und Showelement Wie wir sehen, wurden nicht nur auf Wettkämpfen in Deutschland Steine gehoben – auch bei öffentlichen Auftritten der „old-time Strongmen“ wurden sie immer wieder als Beweis der Kraft und Stärke sowie als Showelement herangezogen.
Steinheben als Wettkampfsport In etwas abgeänderter Form werden speziell in Bayern auch heute noch
Steinhebewettkämpfe durchgeführt. Wie immer direkt nach der
Faschingszeit, startet zur Fastenzeit in München der traditionelle
Ausschank der Frühjahrstarkbiere. Die Starkbierzeit dauert rund vier
Wochen. Zu verdanken haben die Münchener diese „fünfte Jahreszeit“ den
Mönchen, die in der Fastenzeit ein besonders nahrhaftes Bier brauten.
Die daraus gewonnene Energie kann somit direkt beim Steinheben genutzt
werden. Über den vierwöchigen Zeitraum wird im Löwenbräukeller München
täglich das traditionelle Steinheben mit dem 508 Pfund Stein
durchgeführt. Am 21. August 2011 wird im Rahmen des Dachauer Volksfestes
beispielsweise wieder der „Moosbummerl
– Cup 2011“ abgehalten. Auch in diesem Jahr werden dort wieder über
4.000 Gäste im Festzelt die Athleten aus Deutschland, Österreich,
Tschechien und der Schweiz zu Höchstleistungen peitschen. Falls Sie mehr
über das traditionelle bayerische Steinheben erfahren wollen: Landesverband
der Steinheber e.V. Seit 1903 Steinstoßen in Deutschland Der Vollständigkeit halber muss aber auch noch erwähnt werden, dass ebenfalls in Deutschland das traditionelle Steinstoßen praktiziert wurde und noch heute auf Rasenkraftsportwettkämpfen und Highland Games auch weiterhin wettkampfmäßig betrieben wird.
Im Jahre 1903 beispielsweise entschloss man sich zur Einführung des Dreikampfes, um die einseitige körperliche Ausbildung durch sogenanntes Dauerstemmen, welches anfangs vorherrschte, einzuschränken. Der damalige Dreikampf bestand aus Steinstoßen, Dauerstemmen und Kürstemmen.
Der Stein musste entweder 1/3 oder 1/4 Zentner schwer sein, die Form eines Mauersteins haben und frei mit einer Hand gestoßen werden. So musste der Stein beliebig zur Schulter gehoben und mit dem stärksten Arm, links oder rechts, aus dem Stand heraus (vorderer Fuß feststehend), ohne Anlauf fortgestoßen werden. Zwei Würfe waren gestattet, wobei nur der weiteste Wurf gewertet wurde. Steinstemmen Eine weitere relevante deutsche volkstümliche Kraftübung mit Steinen war das Steinstemmen. Die Steine waren so geformt, dass man sie an den seitlichen Ausbuchtungen fassen und über Kopf ausstoßen konnte. © 2011 – Thorsten Moser, Fotos und Grafiken: Archiv Moser |
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Artikel im Original erschienen auf http://laptopwerk.de/mosereien, hier mit freundlicher Freigabe des Autors Thorsten Moser übernommen. - Vergelts Gott!
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