| Die abenteuerliche Heimreise Ab und an, das wissen Sie ja bereits, kann man das Moosbummerl bei einem Wettkampf der Hünen treffen. So war es auch an diesem Tag. Mit seinen Gefährten hatte sich das Moosbummerl den ganzen Tag beim Steinhochwurf vergnügt. Als sie am Abend das Zelt in ausgelassener Stimmung verließen und sich auf den Heimweg machen wollten, passierte diese Geschichte. „Hey, Moosbummerl, sauber hamma abgräumt“, rief der Elf in bester Laune seinem Freund zu. „Ja, recht hast, Elf, alle Fünfe konnt ma an Erfolg verbuchen“, freute sich das Moosbummerl. Es war wirklich ein sehr starker Wettkampf gewesen mit ein paar Hünen als Gegner, mit deren Kraft keiner gerechnet hatte. Eine richtige Herausforderung war das. Und alle fünf hatten das Ziel, das sie sich vorgenommen hatten, erreicht. Lachend und scherzend trollten die Freunde, das Moosbummerl, das Zwergerl, die Erdhenne, der Elf und die gute Fee zu dem Wald, auf dessen Trampelpfaden sie hergelaufen kamen. Als sie jedoch zu der Holzbrücke kamen, über die sie morgens problemlos hatten passieren können, standen sie plötzlich vor zwei riesengroßen steinernen Figuren, die sich links und rechts von der Holzbrücke postiert hatten. Sehr eigentümlich sahen sie aus. Man konnte sie gar nicht richtig zuordnen. Auf beiden war oben ein steinerner Kopf, aber die Körper sahen aus wie geometrische Gebilde, auf denen wiederum eine ganze Reihe von Köpfen in den Stein gemeißelt waren. „Hier könnt ihr nicht durch“, tönte ein tiefes, rumpelndes Grollen aus den beiden steinernen Bäuchen. „Der Durchgang sei Euch verwehrt.“ „Sagt wer?“, wollte die Erdhenne wissen. Also, die Erdhenne war ja ein wirklich gutmütiges Wesen, aber mit solchen Albernheiten brauchte man ihr wirklich nicht zu kommen. Da fingen gleich die Augen an zu feurig zu blitzen. „Sagt der große, böse Zauberer Petronius“, antworteten die beiden Steinklötze mit einem Grollen. Auch das Zwergerl wurde nun sauer. „Nun hört mal zu, ihr zwei Sandsteinbauchredner. Normalerweise gehen wir dahin, wo´s uns passt.“ „Dieses Mal nicht“ grollte es wieder im Echo. „Außer ihr wollt zu Stein werden“ kicherte plötzlich eine quiekende Stimme von einem Baum herunter. Die fünf blickten überrascht nach oben. Auf einer Astgabel saß ein fetter, kleiner Zauberer mit dicken Wurstfingern und einem kleinen Zauberstäbchen. Ein dicker, blauer, viel zu großer Umhang hatte sich um seine Beine gewickelt und unter den hässlichen Hängewangen und dem Dreifachkinn kam aus einem Mündchen ein nicht gerade ziemlicher Grunzlaut hervor. „Vor Steinen ham mir eigentlich koa Angst“, grinste das Moosbummerl zu dem Dickwanst hinauf. „Vielleicht sagst erst amal, werscht eigentlich bischt.“ „Ich bin Petronius“, quiekte das Wesen empört, „der mächtigste Zauberer unter dem Himmel.“ „Ja, klar“, erwiderte die gute Fee, „deswegen hockst auch aufm Baum und singst wira Zeisal“. Der fette Zauberer schnappte empört nach Luft. „Das habt Ihr nicht umsonst gesagt“, quiekte es laut vom Baum herunter. Voller Zorn schwang er seinen Zauberstab. Dazu sprach er: „Holz der Brücke, lös Dich auf, lässt heut niemand mehr hinauf. So sei es!“ Kaum hatte der Zauberer diese Worte gesprochen, knirschte es einmal ganz laut, Holz barst und Brett für Brett fiel die Brücke in sich zusammen und stürzte in den breiten Fluss. „Sauba“, sagte das Moosbummerl, nachdem es der Szene in aller Ruhe zugesehen hatte, „ist der Schmarrn alles wasd kannst. Jetzt hockst immer no aufm Baum und mir kumma nimmer hoam.“ Beleidigt verschränkte der Zauberer die Stummelärmchen vor seinem Körper und kuckte demonstrativ in die andere Richtung. Der Elf, der in die ganze Zeit sehr still gewesen war, zupfte nun die anderen geheimnisvoll am Ärmel. Die fünf steckten die Köpfe zusammen. Der Elf begann: „Von dem Petronius hab ich mal was gehört auf der Elfenversammlung. Der ist seit Jahren schon kein rechter Zauberer mehr, denn kann nämlich nur noch Holz zusammenfallen lassen. Vor vielen Jahren lieferte er sich ein Zauberduell mit einer Hexe. Die Hexe gewann und als Preis bezahlte Petronius mit seiner allumfassenden Zauberkraft. Nur die Kraft eine bestimmte Brücke wegzuzaubern, hat sie ihm damals gelassen. Und zwei steinerne Gesellen, die jeden zu Stein verwandeln, der sich dem Zauberer widersetzt. Sie wollte ihm wohl nicht alles nehmen. Außerdem hat sie ihn damals auf einen Baum gesetzt. Mir kam das damals recht albern vor, aber anscheinend stimmt es, was die anderen erzählt haben“, schloss der Elf seine Erzählung. Die anderen hatten aufmerksam zugehört. „Hm,“ meldete sich nun das Zwergerl zu Wort. „Heißt das nun, dass wir hier festsitzen?“ „Sozusagen“, denn aufbauen kann er die Bücke nicht mehr. Die errichtet sich im laufe des nächsten Tages von selbst wieder. So geht dieses Spiel jeden Tag. Und es wird sich so lange wiederholen, bis jemand den Zauberer vom Baum hebt.“ „Mei, irgendwie kann er einem ja fast leid tun, der Zauberer.“ Während sie sprach hatte sich auf dem Gesicht der guten Fee der Ausdruck der Sanftheit breit gemacht. „Also, was mach ma jetzt?“, das Moosbummerl wollte heim zu seiner Speisekammer und hatte überhaupt keine Lust die Nacht hier vor der Brücke zu verbringen. „Nun, dann bauen wir halt ein Floß“, meinte das Zwergerl. Das hielten alle für eine gute Idee. Sofort machten sie sich dran. Das Moosbummerl riss die Bäume aus und entastete sie, der Elf achtete auf die technische Entwicklung, das Zwergerl und die gute Fee wickelten Lianen so um die Stämme, dass sie gut zusammen hielten und die glückbringende Erdhenne dokumentierte alles mit Feder und Tinte, um die heldenhafte Aktion in die Mooszeitung zu setzen. Nach einer halben Stunde war das Floß fertig. Sie ließen es zu Wasser und wollten gerade drauf steigen, als die gute Fee meinte: „Wollen wir den armen Zauberer nicht erlösen. Jetzt hockt er schon so viele Jahre auf dem Baum.“ Alle waren einverstanden. Petronius hockte noch immer auf der Astgabel. Sein Gesicht sah traurig aus. „Ich habe ihnen allen deine Geschichte erzählt, Petronius, und wir haben beschlossen, dir zu helfen.“ Ungläubig schaute Petronius durch das Blätterdach hindurch. „Wirklich?“ Ganz gerührt klang seine Stimme. Alle fünf nickten zur Antwort. Und dann war alles schnell geschehen. Das Moosbummerl knickte den Baum um und hob den Zauberer von der Astgabel und die gute Fee, die jedem Menschen etwas schönes andichten konnte, sagte ein kleines Sprüchlein auf und – schwupp, stand vor ihnen ein adretter, kleiner Mann. Die dicken Arme und Beine waren verschwunden, die Wampe schrumpfte in sich zusammen und das Gesicht hatte plötzlich freundliche und weiche Züge. Sogar das Quieken der Stimmbänder verwandelte sich in einen ansehnlichen Bariton. Das Moosbummerl, das Zwergerl, der Elf und die gute Fee stiegen auf das Floß. Nur die Erdhenne zog es vor, nach Hause zu laufen – sie ließ sich von den anderen kurz am anderen Ufer absetzen. Wasser war so gar nicht das richtige Element das richtige Element für die unsere Erdhenne. „Was kann ich Euch Gutes tun?“ rief der Petronius den Vieren noch hinterher. „Bau uns ein paar lustige Stromschnellen auf den Weg, dann wird die Heimfahrt lustiger“, rief ihm das Moosbummerl noch zu. „Wird gemacht“, lachte Petronius den Vieren hinterher und winkte dabei so fröhlich, dass es eine Freude war, ihm zuzusehen. Und wie viel Spaß die Vier auf ihrer Heimreise hatten, das habt Ihr ja gesehen. |
| © Christine Findeisen (München im September 2007) |